Schulklasse setzt sich für würdige Bestattung ihres Biologie-Skeletts ein

Das alte, "echte" Skelett des Ritzefeld-Gymnasiums
Das alte, "echte" Skelett des Ritzefeld-Gymnasiums (Foto: T. Schmitz)

Echtes Schulskelett des Ritzefeld-Gymnasiums ruht nun auf dem Friedhof – Im Religionsunterricht viel über das Thema „Tod und Sterben“ gelernt

Generationen von Schülern des Ritzefeld-Gymnasiums kannten die kleine, zierliche Frau, die oft bei ihnen im Biologie-Unterricht dabei war. Allerdings konnte sich niemand erinnern, wann und woher die Frau einmal  nach Stolberg gekommen war. Vielleicht stammte sie aus Vietnam. Aber auch die ältesten pensionierten Lehrer wussten es nicht mehr. Ihr Name war ebenfalls unbekannt. Manche Schüler trieben ihren Schabernack mit ihr, viele wollten sie einmal vorsichtig anfassen, und einigen war sie auch etwas unheimlich.

Der EF-Kurs Religion von Birgit Heck-Wattjes
Der EF-Kurs Religion von Dr. Birgit Heck-Wattjes (Foto: C. Braun)

Dafür, dass „die Unbekannte“ endlich nicht mehr im Klassenraum angestarrt würde, dass sie durch die Gänge getragen und ihr immer wieder zu Unterrichtszwecken Gliedmaßen abmontiert wurden, hat sich jetzt der EF-Kurs im Fach Religion eingesetzt. Ihr altes Schulskelett, das noch das echte Skelett eines Menschen war, sollte endlich seine letzte Ruhe finden.

Beim Abbau des Skeletts waren die Schüler ruhig und konzentriert bei der Sache (Foto: xx)
Beim Abbau des Skeletts waren die Schüler ruhig und konzentriert bei der Sache (Foto: T. Schmitz)

Stadtverwaltung glaubte zunächst an einen Schülerstreich

„Als wir bei der Stadtverwaltung Stolberg anriefen und fragten, was man tun müsse, um ein Schulskelett auf dem Friedhof zu bestatten, haben die Mitarbeiter im Rathaus gedacht, wir wollten sie auf den Arm nehmen oder wir planen einen Abi-Gag“, erzählt Karina. Dabei war es den 14 Schülerinnen und Schülern der zehnten Klasse durchaus ernst. Mit ihrer Lehrerin Dr. Birgit Heck-Wattjes beschäftigen sie sich in diesem Halbjahr im evangelischen Religionsunterricht mit dem Thema „Tod und Sterben“. Über die Bestattungsriten in verschiedenen Religionen sprachen sie dabei ebenso wie über Sterbehilfe und Organspende, über die Vorstellungen für ihre eigene Beerdigung und Erfahrungen mit Todesfällen in der Familie. Die Exkursion in ein Aachener Hospiz folgt in Kürze.

Die Drähte wurden von den Knochen entfernt (Foto: T. Schmitz)

Froh über Neuanschaffung aus Kunststoff

Dass das Skelett aus dem Biologie-Unterricht am Ritzefeld-Gymnasium ein echtes Skelett war und keine Nachbildung aus Plastik, wussten sie alle schon seit der fünften Klasse. „Frau Heck-Wattjes, mit der wir auch Bio haben, hat uns das damals schon gesagt“, erzählt die 16-jährige Alina. „Wir hatten deshalb immer Respekt vor dem Skelett. Trotzdem war uns auch nicht ganz wohl damit. Wir waren froh, als es vor einiger Zeit die Möglichkeit gab, ein neues aus Kunststoff anzuschaffen.“

Einen wertschätzenden Brief gaben die Schüler dem Skelett mit in den Karton (Foto: xx)
Einen wertschätzenden Brief gaben die Schüler dem Skelett mit in den Karton (Foto: T. Schmitz)

Frau war vermutlich junge Asiatin

Doch was sollte mit „der Unbekannten“ geschehen? „Wir hätten sie an die Universität geben können, aber dort hätte sie auch nicht ihren Frieden finden können“, meint Paul. „Im Internet haben wir recherchiert, dass es noch eine andere Schule in Deutschland gab, die vor der gleichen Frage stand und ihr Skelett dann verkaufte. Das kam für uns aber nicht in Frage. Uns war es wichtig, dass das Skelett als verstorbener Mensch seine Würde zurückbekommt“, sagt er. Einstimmig beschloss der Reli-Kurs also: das Skelett der jungen Frau soll in einer schön dekorierten Kiste auf dem Friedhof beerdigt werden und dort in Frieden ruhen.

Denn die junge Frau muss zu Lebzeiten einiges durchgemacht haben. „Wir vermuten, dass das Skelett das einer Asiatin ist, die im Vietnamkrieg starb“, sagt Dr. Birgit Heck-Wattjes. Damals sollen Leichen eingesammelt und zu Unterrichtsskeletten gemacht worden sein. Dass das Skelett einer Frau gehörte, sieht man an ihrem Beckenknochen, dass sie erwachsen war, aber noch jung, an ihren Zähnen. Für eine erwachsene Europäerin wäre sie aber ungewöhnlich klein gewesen. „Es kann also durchaus sein, dass sie aus Vietnam stammte“, meint die Lehrerin.

Die Knochen in der mit einem Tuch ausgeschlagenen Kiste (Foto: xx)
Die Knochen in der mit einem Tuch ausgeschlagenen Kiste (Foto: T. Schmitz)

Abschied im Schulgottesdienst

Nach einigen Recherchen und Gesprächen kamen die Schüler schließlich mit der Stolberger Stadtverwaltung überein, dass das Skelett von Mitarbeitern des städtischen Bauhofs abgeholt werden und auf dem Friedhof Bergstraße in einem anonymen Gräberfeld beerdigt werden sollte. Vorher gestalteten sie liebevoll einen großen Karton mit Blumen und Schmetterlingen, kleideten ihn mit einem roten Tuch aus und legten die Knochen der Frau ohne die Drähte, die sie zusammengehalten hatten, hinein. Im monatlichen evangelischen Schulgottesdienst wurde der jungen Frau nun auch nachträglich gedacht. Diesen Abschied bereiteten die Schülerinnen und Schüler selbst vor, wählten eine Geschichte zum Vortragen aus, verfassten ein Gebet und Fürbitten. Eingeladen waren nicht nur evangelische Schüler, sondern alle, die daran Interesse hatten. Etwa 55 Schülerinnen und Schüler nahmen an dem Gottesdienst im Ökumenischen Gemeindezentrum Frankentalstraße teil. Die Predigt hielt der Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises Aachen, Ulrich Kämmerer.

Zum Abschiedsgottesdienst kamen mehr als 50 Schüler und Schülerinnen (Foto: C. Braun)
Zum Abschiedsgottesdienst kamen mehr als 50 Schüler und Schülerinnen (Foto: C. Braun)

Auch Kritik an Beerdigung des echten Skeletts

Zu Bestattung und Abschiedsgottesdienst hatte es in der Schule und im Umfeld der Schüler vorher nicht nur Zustimmung gegeben. „Manche Schüler fanden es lächerlich oder unnötig, sich damit zu beschäftigen“, erzählt Karina. „Ich glaube, es war denen nicht klar, dass dieses Skelett einmal ein echter Mensch gewesen ist.“ Und einige Lehrer  der Schule hätten es gerade als Vorteil angesehen, ein echtes Skelett als Anschauungsobjekt zur Verfügung zu haben, nicht nur eine Nachbildung. Dennoch sind die Schüler des EF-Kurses überzeugt, dass die jetzt gewählte Lösung die beste für alle Beteiligten war. „Ich fand den Abschiedsgottesdienst angemessen und finde schön, dass noch mal ein paar Menschen an die junge Frau gedacht haben“, sagt Paul. Und Alissa fügt hinzu: „Mir hat gut gefallen, was Herr Kämmerer gesagt hat. Es war bescheiden, aber emotional, und so dass man sich gut hineinfühlen konnte.“

Schulreferent Ulrich Kämmerer
Schulreferent Ulrich Kämmerer (Foto: C. Braun)

Wann ist jemand eigentlich tot?

Denn Schulreferent Ulrich Kämmerer hatte im Gottesdienst die scheinbar einfache Frage gestellt, wann ein Mensch eigentlich tot sei. Wenn er gestorben ist? Oder wenn irgendwann niemand mehr an ihn oder sie denkt? „Nein“, so war seine Antwort. „Der Mensch, dessen Knochen euer Schulskelett war, ist zwar vor langer Zeit gestorben, aber er war so lange nicht tot, wie man sich an ihn erinnert hat. Und auch nach der Beerdigung hat Gott ihn nicht vergessen. Er wird ihn wieder lebendig machen und ihn in sein Land zurückbringen, in seine Heimat. Dort wird er bei und mit Gott leben.“

(Text: C. Braun / Kirchenkreis)

In dieser Kiste wurde die Unbekannte auf dem Friedhof beerdigt. (Foto: P. Reinert)
In dieser Kiste wurde die Unbekannte auf dem Friedhof beerdigt. (Foto: P. Reinert)
Fürbitten im Gottesdienst: "Wir bitten auch für die Unbekannte, die so lange Schulskelett in unserer Schule war. Lass sie heimkehren zu ihren Lieben, dass sie nicht mehr einsam ist."
Fürbitten im Gottesdienst: "Wir bitten auch für die Unbekannte, die so lange Schulskelett in unserer Schule war. Lass sie heimkehren zu ihren Lieben, dass sie nicht mehr einsam ist." (Foto: C. Braun)

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