Zum Tag der Einheit: Wie einheitlich ist eigentlich die Christenheit?
Der erste Eindruck ist der einer tiefen Spaltung. Doch auf den zweiten Blick ist die Kirche gar nicht so uneinig. An vielen Stellen gilt schon das Prinzip der „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“.
Evangelisch, römisch-katholisch, altkatholisch, baptistisch, anglikanisch, russisch-, griechisch- und syrisch-orthodox, methodistisch, koptisch … um nur einige zu nennen. Auf den ersten Blick erscheint die Christenheit tief gespalten. So viele Konfessionen mit unterschiedlichen Gottesdiensten, Zeremonien, Lehren, Ämtern, Strukturen – und Auffassungen zu so ziemlich allen Fragen über Gott und die Welt.
Das passt nicht zum Gebot und Gebet Jesu, dass seine Jünger*innen „alle eins sein sollen“ (Joh 17,21). Oder zur Mahnung des Apostels zur „Einigkeit im Geist“, weil alle „ein Leib“ sind, in dem nur „ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott“ ist (Eph 4,6). Erstaunlicherweise fühlen sich die meisten Kirchen dieser Einheit verpflichtet, suchen aber die Schuld für die Uneinigkeit bei den anderen.
Die Spaltungen der Kirche bleiben ein Skandal, die Bemühungen, sie zu überwinden, überschaubar. Kommissionen, Konferenzen und Bünde wie der Ökumenische Rat der Kirchen mit 356 Mitgliedskirchen haben daran wenig geändert. Verglichen mit der Mitte des 20. Jahrhunderts, haben sich viele Kirchen zwar angenähert, etwa in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK). Weitere Fortschritte scheitern meist schon an der Frage, wer für wen mit wem über was spricht. Und außerhalb der Kirchen interessieren sich immer weniger Menschen für die Streitfragen. Sie sind nur ein weiteres Argument dafür, Abstand zur Kirche zu halten.
Auf den zweiten Blick ist aber die Kirche gar nicht so uneinig. Die Gottesdienste fast aller Konfessionen haben die gleiche Grundstruktur. Die wichtigen Glaubensinhalte, das Bekenntnis zum dreieinigen Gott, zu Jesus Christus als Herrn und Erlöser, sind allen gemeinsam. Die Taufe ist ein Band der Einheit, das die meisten Kirchen untereinander anerkennen. Es gelten die Zehn Gebote und viele ethische Grundregeln.
Die Vielfalt der christlichen Kirchen lässt sich auch positiv betrachten. Das Evangelium an sich gibt es ebenso wenig wie den Gottesdienst oder die Kirche. Überall haben Menschen die Frohe Botschaft Gottes in ihre Sprache, Kultur und Traditionen übersetzt. Die Kirche ist so vielfältig wie die Menschen auf Erden – und das ist gut so. Einheitlichkeit im Sinne von Uniformität wäre das falsche Ziel.
Statt um Einheitlichkeit müssen sich die Kirchen um Einigkeit bemühen. Mit 95 anderen Kirchen gehört die Evangelische Kirche im Rheinland zur engen Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE). In ihr gilt das Prinzip der „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“. Es darf – auf der Grundlage des gemeinsamen Verständnisses des Evangeliums – weiterhin Unterschiede und abweichende Meinungen geben. Sie dürfen aber nicht mehr kirchentrennend sein oder die Kirchen vom gemeinsamen Dienst in der Welt abhalten. Alle Mitgliedskirchen stimmen sich in wichtigen Fragen ab, feiern zusammen Gottesdienst, laden einander zum Abendmahl ein. „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ sollte auch das Ziel der Ökumene mit den römisch-katholischen Geschwistern sein.
Autor: Markus Schaefer, Quelle: EKIR.info Nr. 5/Oktober 2026
