Wie wahr ist die Weihnachtsgeschichte?

Die Erzählung von Jesu Geburt ist zutiefst wahr und hat sich zugleich, historisch betrachtet, wohl nie so ereignet. Aber Richtigkeit und Wahrheit sind zu unterscheiden.

Alle Jahre wieder bauen wir Weihnachtskrippen auf, platzieren sorgfältig alle Figuren nach der Anleitung aus Lukas 2 und Matthäus 1+2. Seht her: „So war das damals!“ Stimmt nicht ganz, denn beide Evangelisten waren weder Augenzeugen, noch haben sie den erwachsenen Jesus getroffen. Und vieles haben sie nur nach mündlichen Berichten notiert oder als Glaubenszeugnis dazukomponiert.

So auch die Geburtsgeschichte. Die Evangelisten hatten Leitfragen, nach denen sie den Lebensbeginn beschrieben, und für beide war klar: 
- Ein Gottessohn braucht ein Kommen, das sich von uns „Normalsterblichen“ unterscheidet, 

- er braucht eine Verankerung in der Geschichte seines Volkes und 

- Zentralaspekte seiner Botschaft müssen von Anfang an aufleuchten. 

Denn die gute Botschaft, die durch sein Leben und Sterben und Auferstehen bewahrheitet wurde, war so beglückend und befreiend, dass ihr Erweis wichtiger war als historische Genauigkeit. Und so lautet auch meine Antwort auf die Ausgangsfrage: Ja, die Weihnachtsgeschichte ist zutiefst wahr UND sie hat sich historisch betrachtet wohl nie so ereignet. 

Ja, es ist wahr, dass Jesus in einer Linie mit König David gesehen wird, denn dessen Haus soll auf ewig bestehen und den Messias hervorbringen. Und weil Bethlehem die „Davidstadt“ ist, als klein beschrieben wird und übersetzt auch noch „Brothausen“ heißt (Jesus Christus spricht: Ich bin das Brot des Lebens), könnte man nirgendwo besser seine Wiege platzieren. Historisch ist das ziemlich sicher falsch: Es gibt es keinen Nachweis, dass man bei Volkszählungen jemals in seinen Heimatort reisen musste. Und Jesus wird später immer Jesus von Nazareth genannt, niemals Jesus von Bethlehem, womit doch alle gewuchert hätten, um seinen Anspruch zu untermauern. 

Ja, es ist wahr, dass Jesus nie mit offenen Armen in den Häusern des Establishments aufgenommen wurde und er sich zu den Armen hielt. Seine Krippe prophezeit das schon: neugeboren aufs Holz gelegt – zum Sterben ans Holz geschlagen. Historisch ist die Herbergssuche eher unwahrscheinlich: Warum gab es nicht einen einzigen Verwandten, der für das junge Paar in seiner Heimatstadt ein Bett freigemacht hätte? 

Außerdem war Maria ganz sicher nicht steuerpflichtig. Warum hätte sie hochschwanger eine beschwerliche Reise antreten sollen, wenn am Wohnort eine sichere Bleibe, eine Hebamme und umsorgende Nachbarinnen waren? Aber weil es wahr ist, dass Jesus von Anfang an zu Menschen unterwegs ist, war es eine tolle Idee, ihn bereits im Mutterleib auf einen Weg zu schicken.

Wenn Jesus sich selbst mit einem Hirten verglich, der Verlorenen nachgeht und sogar sein Leben für die Schafe lässt – wie passend ist es dann, Hirten als erste Zeugen zu berufen. Historisch wahrscheinlich ist das nicht. Entweder hätten sie ihre Herden unbeaufsichtigt zurücklassen müssen, was Wölfe und Räuber gefreut hätte. Oder sie hätten die Herde durch die nächtlichen Straßen Bethlehems treiben müssen, was ihnen schon am Eingang zur Stadt verwehrt worden wäre. 

Wir könnten alle Aspekte der Weihnachtsgeschichte durchbuchstabieren. Ich würde mich weiterhin vor dem tiefen Glauben des Lukas verneigen und seinem Verstehen der Wahrheit Jesu Christi meinen ganzen Respekt zollen. Umso mehr, weil mein Verstand weiß, dass es historisch wahrscheinlich ganz anders war. Aber Richtigkeit und Wahrheit sind eben zu unterscheiden. 

Autorin: Carolin Reichart, Quelle: EKIR.info Nr. 6/Dezember 2025