Was hat Jesu Tod mit Sühne und Opfer zu tun?

Kein Mensch kann schuldlos leben. Aber unvollkommenes Menschsein lässt sich mit der Hingabe Jesu nicht eins zu eins verrechnen.

Es ist nicht egal. Das Unrecht, der Schmerz, das, was Menschen erleiden, und das, was Menschen anderen Menschen antun, sind nicht gleichgültig. Leid zählt und am Ende rechnet Gott ab. Allerdings nicht nach unseren Rechenwegen und Formelsammlungen, sondern nach Gottes Maßstäben. Gott ist keine Buchhalterin, kein Gerichtsvollzieher, der zusammenzählt und abzieht und dann eine Schlussrechnung aufmacht. Gottes Bilanz ist eine Gleichung mit vielen Unbekannten, zu unseren Gunsten, wie ich glaube. 

Ich teile das Menschenbild der Bibel: Kein Mensch kann schuldlos leben. Immer wieder werde ich mir selbst nicht gerecht, verletze Mitmenschen und andere Schöpfung. Mit beidem bleibe ich auch Gott etwas schuldig, von dem die Schöpfung ausgeht und in der er zu finden ist. Ich erlebe „gottlose Phasen“, nicht in dem Sinne, dass ich glaube, dass Gott nicht da wäre, aber so, dass die innere Ausrichtung auf Gott und Gottes Wege in den Hintergrund treten. Das ist nicht so negativ, wie es klingen mag. Ich bin auch klug und gütig, wach und rücksichtsvoll, übernehme Verantwortung und lerne dazu, zeitweise. Beides Beschriebene trifft in wilder Mischung zu. 

Diese Wirklichkeit ist in der christlichen Praxis, in Liedern, in der Erziehung oft mit Drohungen und energischen Appellen an ein schlechtes Gewissen verbunden worden: „Gott sieht alles. Du genügst nicht. Gericht und Verderben sind dir gewiss. Für deine Fehler musste Jesus qualvoll leiden und sterben.“ Das ist theologisch so verkürzt, dass es unzulässig ist. Jesu Tod und Auferstehung sind keine Textaufgabe, die ich mit Wenn-dann-Schlussfolgerungen auflösen kann. „Wenn du einen Fehler machst, dann ist das ein Schlag ins geschundene Gesicht von Jesus“ trifft nicht den Kern der göttlichen Sache. Wer unvollkommenes Menschsein mit der Hingabe Jesu eins zu eins verrechnen will, verrechnet sich.

Bekannt wird doch, dass eben dieser Jesus richtet: „Er wird kommen, zu richten die Lebenden und die Toten …“ (Apostolisches Glaubensbekenntnis). Und das sieht so aus: Jesus pflückt den korrupten Zöllner vom Baum und wird sein Gast, er schützt die Ehebrecherin vor Gewalt, er legt den ihm Nachfolgenden in klärenden Gesprächen ihre lebenshemmenden Irrtümer frei.  Zu dieser Haltung passt kein Punktekatalog, der Vergehen einem passgenauen Strafmaß zuordnet. Auch Berechnungen, die ein Ausmaß von Gottes Zorn über menschliches Unrecht so gesühnt, so ausgeglichen wissen wollen, dass Soll und Haben aufgehen, sind nicht sachgemäß. Ich kann nichts entdecken von Opfern, zu denen Jesus als Wiedergutmachung aufruft, finde eher Einladungen in konsequente Umkehr zu Lebensfreundlichkeit. 

Dieser Spur folge ich. In dem Glauben, dass Gott in und mit Jesus auch in tiefem Leid erscheint, pulsiert Zugewandtheit zu und Verbundenheit mit den Geschundenen und Leidenden. Das Kreuz steht schließlich leer da, streicht den Todesmächten der Welt das letzte Wort und setzt x Möglichkeiten für neue Lebendigkeit frei. Jesu Auferstehung setzt ein lebensspendendes Vorzeichen vor die Klammer, die mein Leben umfasst. Ein Wunder, mit dem nicht zu rechnen war, das ich nicht ermessen, nur staunend feiern kann. 

Autorin: Dr. Wibke Janssen, Quelle: EKIR.info Nr. 2/April 2026