Kolumne: Einfach Evangelisch

Was hat der Advent mit Buße zu tun? - Eine alte Tradition bietet die Chance, die Zeit vor dem Weihnachtsfest neu zu entdecken

Der Advent eine Bußzeit? Unvorstellbar. Beim Glühwein-Umtrunk, der Weihnachtsfeier im Büro, beim Adventsbasar der Gemeinde und jeden Morgen, wenn die Kinder ihren Adventskalender mit süßen Überraschungen öffnen – Buße und Verzicht? Das passt so gar nicht.

Allerdings: Die Tradition gibt es schon. Seit dem 4. Jahrhundert ist belegt, dass Christen vor Ostern wie vor Weihnachten 40 Tage fasten. Die Seele soll Zeit finden, sich auf diese Feste einzustimmen. Auf die Ostererfahrung, dass Totgesagtes auferstehen kann, genauso wie auf die Zusage im Stall von Bethlehem, Gott ist Mensch geworden, um jedem Einzelnen von uns ganz nah zu sein. 

Was macht die Adventszeit heute mit einem? Die Völlerei unserer Konsumgesellschaft ab Mitte November und immer früher ist sicher kein geistliches Programm. Es kann daher doch lohnenswert sein, sich im Advent auf die Spur der alten Tradition einer „Bußzeit“ zu begeben. Dabei hilft es zu wissen, dass „Buße tun“ biblisch gesehen weniger bedeutet, was der Volksmund damit verbindet, nämlich büßen im Sinne von bestraft werden und erzwungenem Verzicht, sondern vor allem freiwillig etwas Gutes tun.

Das hebräische Wort für Buße (schuw) heißt übersetzt eigentlich Umkehr. Ich wende die Richtung meines Lebens zu Gott hin und verlasse dafür Wege, die mir und meinen Mitmenschen nicht guttun. Auch in der deutschen Sprache schwingt das mit. Das Wort Buße von mittelhochdeutsch „buoz(e)“ meint ursprünglich Besserung, der gemeinsame Wortstamm ist zu hören.

Das klingt doch gleich viel verheißungsvoller. Der Advent (lateinisch advenire, ankommen), die freudige Ankunft Gottes in der Welt, trifft auf die Sehnsucht nach Sinn und Erfüllung und führt alle, die sich darauf einlassen, auf den Weg in eine bessere Zukunft. 

In den Grundthemen der vier Adventssonntage kommt dieser Zweiklang von Konzentration und Freude zum Ausdruck: am 1. Advent mit dem Thema „Gottes überraschender Einzug mitten ins Leben“, am 2. Advent mit dem „Warten auf Erlösung“, am 3. Advent das selbstkritische Nachdenken, wie jede und jeder Gott den Weg bereiten kann, und am 4. Advent die gespannte Freude, wie nah Gott schon sein mag. Die liturgische Farbe ist durchgehend Violett, die Farbe der Buße – übrigens die evangelische Kirchenfarbe.

„Sieben Wochen ohne“ heißt die Einstimmungsaktion vor Ostern, „Alles hat seine Zeit. Advent ist im Dezember“ jetzt vor Weihnachten. Beide inzwischen konfessionsverbindend beliebten Aktionen zeigen, dass Angebote der Stille, Selbstreflexion und inneren Einkehr auch heute gefragt sind.

Advent ist eine Stimmung, aber auch eine Haltung. Es ist daher eine Chance, den Advent neben Glitzer und Glühwein auch als Zeit der Umkehr neu zu entdecken. Mit liebevoll gestalteten Andachten, täglichen kleinen geistlichen Impulsen auf den Social-Media-Kanälen – alles, was Frieden stiftet, inneren und äußeren, und was zu Gott führt, ist willkommen.

Autor: Joachim Gerhardt, Quelle: EKiR.info Nr.6/Dezember2024

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