Als Max Heller im vergangenen Jahr seine neue Pfarrstelle in der evangelischen Gemeinde Stolberg an- und das erste Mal die Vogelsangkirche im Schatten der Stolberger Burg betrat, war ihm gleich klar: „Dies ist so ein schöner Raum, den muss man beleben.“ Die älteste evangelische Kirche im Kirchenkreis Aachen ist bei Brautpaaren und Eltern von Täuflingen sehr beliebt, reguläre Sonntagsgottesdienste gibt es aber nicht mehr. Doch seit Dezember 2024 erleuchten in regelmäßigen Abständen nun Kerzen den Kirchraum von 1648, und Pfarrer Heller lädt zu den „Lichtminuten“ ein.
Heller ist im katholischen Glauben sozialisiert worden, ging auf eine Klosterschule der Benediktiner, war Messdiener. Und bei aller bewusster Entscheidung, später zu den Protestanten zu wechseln und diesen Glauben als Pfarrer zu vertreten und zu vermitteln, „bekomme ich die liturgischen Wurzeln nicht aus mir heraus“, sagt der Mann aus Unterfranken. „In den Gottesdienst komme ich als ganzer Mensch. Deshalb will ich auch nicht nur über den Verstand angesprochen werden.“ Die Lichtminuten und auch die von ihm eingeführten Taizé-Gebete in der Martin-Luther-Kirche in Aachen-Brand – beide Formate wechseln sich monatsweise ab – sind deshalb etwas für alle Sinne.
Da ist das Kerzenlicht, das die Kirche nicht nur vom Altar, sondern auch von Kanzel und Wand in ein besonderes Licht taucht. Da ist keine Predigt, sondern nur ein Gedanken-Impuls auf Grundlage eines Bibelwortes oder eines aktuellen Geschehens. Da ist Weihrauch – „ja, das geht auch in der evangelischen Kirche“, so Heller lachend – der die Gedanken und Sorgen, die die Besucher nach einem vollen Alltag mit in die Kirche bringen, in Rauch aufgehen lassen kann, wenn die, die möchten, ein Körnchen davon auf ein Stück glühende Kohle fallen lassen. Da ist eine Zeit der Stille, in der die Besucher sich selbst nachspüren können.



