„Ohne große Hürden, ohne theologische Belehrungen“

„Einfach heiraten“ in Stolberg: Die gelöste Stimmung der Menschen spiegelte die Offenheit der Aktion wider

Kaltes Wasser im Pool, Gyros komplett auf dem Tisch, ein kaltes Bier in der Hand: Marcel Beyard hatte sich den Freitagabend schon vor dem inneren Auge ausgemalt. Ein entspannter Abend im Kreis der Familie nach einem brütend-heißen Tag. 

Es kam geringfügig anders. „Was hältst du denn jetzt davon, wenn wir heute kirchlich heiraten?“, fragte ihn am späten Nachmittag seine Ehefrau Anika. Gute Frage. Standesamtlich hatten die beiden bereits 2019 den Bund der Ehe geschlossen, auf Borkum. Die Infos zum Aktionstag „Einfach heiraten“ hatte Anika Beyard ihrem Mann zwar bereits am Vortag per WhatsApp geschickt, aber noch keine Antwort erhalten. „Ich hab das gar nicht gesehen“, entschuldigte sich ihr Mann. Weil sie immer schon auch kirchlich heiraten wollte, ergriff sie die Initiative und die Chance beim Schopf. „120 Minuten Vorlauf, keiner weiß etwas davon – das passt zu uns“, dachte sich Marcel Beyard, setzte sich mit Frau und den beiden Kinder ins Auto und klopfte an die Tür der Finkenbergkirche. „Können wir noch kirchlich heiraten?“

Dafür ist Kirche da

Aber klar doch! Am Ende des Tages, der für alle Beteiligten der Evangelischen Kirchengemeinde Stolberg doch etwas länger dauerte als ursprünglich gedacht, blickten die Pfarrer Axel Neudorf, Max Heller und Uwe Loeper auf fünf kirchliche Trauungen sowie sieben Segnungen beziehungsweise Ehegedächtnisse zurück. Vier der Trauungen sind dabei völlig spontan zustande gekommen; wie die Familie Beyard standen am späten Nachmittag noch weitere Paare vor der Tür der Kirche und wollten die Chance nutzen, einfach zu heiraten. 

Eigentlich schon die vierte Hochzeit

Andrea Wollgarten und Heidi Heinen-Wollgarten hingegen hatten sich für ihre kirchliche Trauung schon weit im Vorfeld angemeldet. „Eigentlich ist das die vierte Hochzeit für uns“, berichtete Andrea Wollgarten schmunzelnd. Am 16. Juni 2012 wurde die eingetragene Lebenspartnerschaft der beiden Frauen begründet, im November 2012 zur Taufe des Sohnes der kirchliche Segen gespendet. Seit 2017 können auch in Deutschland gleichgeschlechtliche Paare heiraten. Als es um die Frage der „Umschreibung“ der eingetragenen Lebenspartnerschaft in eine Ehe ging, heirateten die beiden sicherheitshalber noch einmal vor dem Standesamt. „Die Liebe braucht keine Hochzeit. Sie stärkt aber das Gemeinschaftsgefühl“, sagt Heidi Heinen-Wollgarten. Mit der nun kirchlichen Trauung ist der Bund sozusagen in jeder Dimension bekräftigt.

Mann hält Handy, auf dem das Brautpaar zu sehen ist.

Der große Moment wird auch auf Video festgehalten.

Pfarrer Max Heller während der Trauzeremonie

Pfarrer Max Heller während der Trauzeremonie...

... und im Anschluss fürs Erinnerungsfoto mit dem (erneut) getrauten Paar.

... und im Anschluss fürs Erinnerungsfoto mit dem (erneut) getrauten Paar.

Frauenpaar vor Burgkulisse

Die Stolberger Burg direkt gegenüber der Finkenbergkirche gab eine stilvolle Kulisse ab.

Von der Orgel zum Altar

Auch das „Drumherum“ des Tages stimmte. In der Kirche begleiteten Ulrike Tulka, die selbst mit ihrem Mann Andreas die Chance ergriff, den Segen noch einmal aufzufrischen und die Ehe ganz bewusst zu bekräftigen,  sowie Gitarrist und Sänger Paul Bank die Feiern ganz individuell. Nicht nur die einzigartige Kulisse mit dem Blick über die Stolberg Altstadt, sondern auch das Engagement vieler Ehrenamtlicher machte den Besuch der Finkenbergkirche sicherlich zu einem unvergesslichen Erlebnis. „Wir haben ein ganz tolles Team“, bedankte sich Pfarrer Uwe Loeper für den Einsatz aller Helferinnen und Helfer. 

Schön, dass es dich gibt

„Spannend wars. Auch weil ich einige der Paare, die dann vor der Kirchentür standen, gar nicht kannte. Aber die Stimmung, die die Menschen mitgebracht haben, hat genau die Offenheit der Aktion widergespiegelt“, bilanziert Pfarrer Max Heller. „Ich hab die Stimmung als genau so erlebt, wie wir als Kirche solche Anlässe feiern sollten: ohne große Hürden, ohne theologische Belehrungen – es einfach so machen wie Gott es auch gemacht hat – zu jedem Menschen sagen: Es ist einfach schön, dass es dich gibt. Segen und Liebe begleiten dich in deiner Beziehung und im ganzen Leben.“

 

Kirche traut sich was

„Wir sind Freitag ganz nah am Alltag der Menschen gewesen, niederschwellig. Ich glaube für die Leute war es zum Teil überraschend, dass sich Kirche so etwas traut: Trauung ohne Schwelle, liturgisch korrekt, aber ohne bürokratischen Aufwand und Überbau“, sagte Pfarrer Axel Neudorf. Er ist überzeugt, dass „Einfach heiraten“ auch Menschen außerhalb des normalen Gemeindeumfelds erreiche. „Es geht heute auch mal nicht um Gebäude und Finanzen“, fügte er selbstkritisch und mit einem Augenzwinkern hinzu. Die Erfahrung des Tages zeige, dass es eine ganz wichtige Frage gibt, die sich alle stellen sollten: „Wo können wir noch Kirche so öffnen?“ Es reiche nicht, die Tür zu öffnen und darauf zu warten, dass sich Menschen auf den Weg machen, Kirche müsst selbst rausgehen, die Menschen ansprechen.

Text: Stephan Johnen

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