Wie wörtlich muss man die Bibel nehmen?

Das Christentum ist keine Buchreligion. Und allein die Vielzahl der Bibelfassungen zeigt schon: Es gibt mehrere Möglichkeiten der Übersetzung.

Bevor man nach dem wörtlichen Verständnis fragt, muss man sich klar machen, was „die Bibel“ eigentlich ist: Die Bibel ist nicht einfach ein Buch, sondern sie besteht aus einer Vielzahl unterschiedlicher Bücher und Schriften. Sie ist eigentlich eine Bibliothek. Dass die Bibelausgaben der Kirchen der weltweiten Ökumene Unterschiede in Anordnung und Liste der zugehörigen Bücher aufweisen, hängt damit zusammen, dass die Bibel in der Christenheit schon früh in Form von Übersetzungen überliefert und in Gottesdienst und Gemeindeleben verwendet wurde. Wer einen Text übersetzt, wird aber immer feststellen: Es gibt mehrere Möglichkeiten der Übersetzung, wobei es sich um bloß stilistische Varianten handeln kann oder um inhaltliche Unterschiede. Es ist nicht dasselbe, ob man 1. Korinther 11, 23-24 mit „Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach's und sprach …“ übersetzt oder mit „Der Herr, Jesus, nahm in der Nacht, da er ausgeliefert wurde, Brot …“

Vor allem aber ist die „Wörtlichkeit“ eine völlig andere, wenn jemand einen persönlichen Brief an eine Gemeinde schickt wie zum Beispiel in 1. Korinther 12,7-9: „Damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.“ – oder wenn ein namenloser Beter seine persönliche Verzweiflung zum Ausdruck bringt und in die Worte eines Bittrufs kleidet wie zum Beispiel in Psalm 88,6: „Ich liege unter den Toten verlassen, wie die Erschlagenen, die im Grabe liegen, derer du nicht mehr gedenkst und die von deiner Hand geschieden sind.“ Was im konkreten Fall „wörtlich nehmen“ heißt, hängt also entscheidend davon ab, welche Art von Bibeltext und was für ein Textgenre wir vor uns haben.

Dazu kommt noch eine tiefere theologische Ebene: Einen Glauben an die Bibel – vergleichbar mit dem Glauben an Gott als „Schöpfer des Himmels und der Erde“ oder an „die Auferstehung der Toten und das ewige Leben“ – gibt es im Christentum nicht. Das Christentum ist keine Buchreligion und die Bibel kein Gegenstand des Glaubensbekenntnisses.

Das hängt damit zusammen, dass der christliche Glaube – besonders in seiner evangelischen Form – auf das „Wort Gottes“ ausgerichtet ist. Für Luther ist „Wort Gottes“ untrennbar verknüpft mit der Kraft Gottes und mit Gottes Geist.

Das Wort Gottes ist also nicht ein einzelnes besonderes Wort aus den vielen Wörtern der Bibel. Es ist nichts, was man auswendig lernen oder auf eine Tafel schreiben kann. Vielmehr kommt es zum Vorschein, wenn aus dem Hören oder Lesen der vielen Wörter eine lebensvertiefende Anrede wird. „Wort Gottes“ bezeichnet ein unverfügbares Geschehen oder ein Widerfahrnis: wenn Menschen Gottes barmherzige Gegenwart wahrnehmen und sich davon bewegen und verändern lassen.

Die Bibel „wörtlich nehmen“ heißt: offen dafür sein, dass wir in den so unterschiedlichen Texten der Bibel-Bibliothek dem Wort Gottes begegnen können.

 

Wolfgang Hüllstrung*

Pfarrer Wolfgang Hüllstrung verantwortet im Landeskirchenamt den Arbeitsbereich christlich-jüdischer Dialog.

Quelle: EKiR.info 4/2022