Ist der Karfreitag für Protestanten wichtiger als für Katholiken?

Zunächst ist er ein Tag des Scheiterns. Aber evangelische Theologie hat ihn stark gemacht gegen eine Kirche, die sich selbst inszeniert. Inzwischen ist er der wichtigste Feiertag für eine erwachsene Religion.

Karfreitag ist der höchste Feiertag für evangelische Christen, heißt es. Ich möchte dem gar nicht widersprechen, auch wenn der Satz nur halb richtig ist.

Karfreitag ist erst einmal ein Tag des Scheiterns. Jesus stirbt am Kreuz und mit ihm die Hoffnung, dass sich Liebe und Nächstenliebe auf der Welt durchsetzen. Auch wenn im Rückblick von Ostern und Auferstehung vieles in einem anderen Licht erscheint. Karfreitag steht für die Erfahrung am Nullpunkt: Nichts geht mehr. Der Glaube ist am Ende.

„Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, ruft ein verzweifelter Sohn am Kreuz. Die Evangelien erzählen, wie sich zur Todesstunde Jesu die Sonne verdunkelt und der Vorhang im Tempel zerreißt. Himmel und Erde verlieren den Kontakt. – Wie kann so ein Tag wichtig sein für uns, die wir doch Gottes Nähe, Zuversicht und Mut zum Leben verkünden möchten?

Bis zur Reformation war der Karfreitag ein gewöhnlicher Werktag. Evangelische Theologie hat ihn stark gemacht gegen die Vorstellung von einer Kirche, die sich im Licht von Ostern als triumphale Institution selbst inszeniert. Wir haben keine letzten Antworten, wir haben vor allem Fragen an Gott, an das Leben, an uns selbst. Nicht Allmacht, sondern Demut ist Kennzeichen der Christenheit von Anfang an. Wie wichtig erscheint mir diese Haltung auch in unserer Zeit.

Martin Luther nannte den Karfreitag „Guten Freitag“, was sich in angelsächsischen Ländern bis heute als „Good Friday“ gehalten hat. Luther berief sich auf den Apostel Paulus und entwickelte eine Theologie des Kreuzes: Gott ist in der Welt am meisten dort zu finden, wo ich ihn am wenigsten vermute, nämlich auf der Seite der Verachteten, der Erniedrigten, der Leidenden. Und im Leiden Jesu wird deutlich, Gott ist wirklich Mensch geworden. Für Paulus kann das Kreuz sogar zum Inbegriff des ganzen Heilsgeschehens werden (1. Kor 1,17-18).

Karfreitag: ja, ein typisch evangelischer Feiertag. Doch einfach evangelisch ist er gerade nicht. Weil er eine Zumutung ist für alle, die es gerne einfach hätten, und das gilt längst über alle Konfessionsgrenzen hinweg. Es gibt kein Leben ohne Leiden. Das spürt jeder, der einen anderen Menschen pflegt, der einen Abschied erleben oder Ohnmacht aushalten muss.

Der Karfreitag ist der wichtigste Feiertag für eine erwachsene Religion. Für einen Glauben, der Raum gibt für Angst und Zweifel, gerade in einer Gesellschaft, die den ganzen langen Tag Hochglanzbilder von Glück und Erfolg in den sozialen Medien postet. Und gerade weil der Karfreitag Tod und Elend so stark zum Thema macht, ist er ein Tag des Widerstands gegen die Folter, gegen jeden Tod, der gewaltsam Leben beendet.

Ohne Ostern ist der Karfreitag nur ein Freitag. Jesus zwar ein kluger Weisheitslehrer, am Ende aber ein bedauernswerter Mensch, der von der römischen Justizmaschinerie getötet wurde. Die Feier der Auferstehung Jesu bleibt das höchste Fest aller Christen. Der Karfreitag ist die Voraussetzung, das zu begreifen – völlig egal, ob evangelisch oder katholisch.

Joachim Gerhardt

Quelle: EKiR.info 2/2022

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