Passen Krippenbrauch und Evangelischsein zusammen?

Obwohl Weihnachtskrippen von Evangelischen lange als Propagandamedium der römisch-katholischen Gegenreformation wahrgenommen wurden, haben sie besonders durch die Vermittlung der Herrnhuter Brüdergemeinde und des innerkirchlichen Pietismus inzwischen einen festen Platz in evangelischer Spiritualität gefunden. Heute werden Krippen eher von Gruppen in der säkularen Gesellschaft angefeindet, die auch gegen Glockenläuten oder Martinszüge kämpfen. Im laizistischen Frankreich sind Krippen vielerorts in öffentlichen Gebäuden verboten. Warum nur haben manche Leute Angst vor der Darstellung eines machtlosen Babys?

Einen Verstoß gegen das Bilderverbot (2. Mose 20,4) kann man darin im Ernst wohl kaum sehen, wenn man berücksichtigt, wie historisch unrealistisch die Formensprache klassischer Weihnachtskrippen oft ist. Jesus war als Kind orientalischer jüdischer Eltern sicher kein blondes Kind „mit lockigem Haar“. In Palästina lag zurzeit von Jesu Geburt auch kein Schnee auf dem Dach der Herberge.

Wenn Jesus „von Nazareth“, der aus dem verachteten Galiläa kam, tatsächlich in Bethlehem geboren wurde, wie es die messianische Weissagung versprach, dann eher nicht in einem altdeutschen Stall. In der sogenannten Geburtskirche in Bethlehem wird eine Felshöhle als Geburtsort gezeigt. Ein Nachbau dieser Geburtsgrotte befindet sich zum Beispiel in der Kapelle Klein-Jerusalem in Willich-Neersen.

Unsere Weihnachtskrippen sind in ihrer Formensprache ein Ergebnis von Inkulturation. Evangelische Krippen können sich davon lösen: Warum nicht Maria, Josef und Jesuskind dargestellt mit Migrationshintergrund oder als Asiaten oder als indigene Australier? Ist ihre Herberge vielleicht ein Flüchtlingszelt auf Lampedusa? Warum müssen überhaupt geschnitzte Holzfiguren die Krippe darstellen?  Schon Franz von Assisi feierte die Geburt des himmlischen Kindes mit hölzernem Futtertrog und lebendigen Tieren in einem Wald. Lebendige Darstellungen erleben wir in Krippenspielen der Advents- und Weihnachtszeit.

Zur Krippe gehören Pflanzen und Tiere, besonders Ochse und Esel. „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn“ (Jesaja 1,2f). Anders als viele Menschen sollen die Tiere Jesus in der Krippe sofort als den Heiland der Welt erkannt haben.

Manche Christinnen und Christen erinnern an die Verbundenheit mit der ganzen Schöpfung, die gemeinsam mit uns Menschen nach Erlösung seufzt, indem sie die Krippenfiguren vom ersten Advent an nacheinander ungefähr in der Reihenfolge der Schöpfungswerke aufstellen (1. Mose 1). Menschen als Mann und Frau wurden nach Gottes Bild erst im sechsten Werk geschaffen. Am 6. Januar kommen Könige aus dem Osten zur Krippe. Abgebaut wird die Kippe nach der Weihnachtszeit am 2. Februar.

„In jener Gegend lagerten Hirten – und sicher auch Hirtinnen (Hoheslied 1,8) – auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde“. Die Menschen, denen das Evangelium zuerst und vor allem verkündet wird, leben in Armut und existentieller Not. Das dürfen wir nicht vergessen.

Für mich ist ein besonderer evangelischer Zugang zur Weihnachtskrippe, wie Paul Gerhardt dieses Bild schildert und meditiert (EG 37):

Ich steh an deiner Krippen hier,
o Jesu, du mein Leben;
ich komme, bring und schenke dir,
was du mir hast gegeben
(…)
Eh ich durch deine Hand gemacht,
da hast du schon bei dir bedacht,
wie du mein wolltest werden
(…)
So lass mich doch dein Kripplein sein;
komm, komm und lege bei mir ein
dich und all deine Freuden.

Das scheinbar arme und schwache Kind in der Krippe wird als wahrhaft mächtig und Herr der Welt erkannt. Glaubende werden durch das Kind beschenkt, verwandelt und gerettet.

Eckart Schwab

Quelle: EKiR.info 6/2022